Mittwoch, 2. Mai 2012

Obama auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Bagram in Afghanistan: "Wenn Sie sich der Verantwortung stellen, sind Sie nicht alleine"



Präsident Obama stattet Truppen in Afghanistan Überraschungsbesuch ab


On 2012/05/02, in Afghanistan, by Amerika Dienst

BAGRAM – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Präsident Barack Obama auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Bagram in Afghanistan vom 1. Mai 2012.

Ich wünsche Ihnen hier, vom Luftwaffenstützpunkt Bagram aus, einen schönen Abend. Dieser Außenposten ist mehr als 11.000 Kilometer von unserer Heimat entfernt, aber unseren Herzen seit über zehn Jahren sehr nah, denn hier in Afghanistan haben mehr als eine halbe Million unserer Töchter und Söhne Opfer gebracht, um unser Land zu verteidigen.
Ich habe heute eine historische Vereinbarung zwischen den Vereinigten Staaten und Afghanistan unterzeichnet, die die Beziehungen zwischen unseren Ländern neu definiert: Eine Zukunft, in der die Afghanen für die Sicherheit ihres Landes verantwortlich sind, und in der wir eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen zwei souveränen Staaten aufbauen; eine Zukunft, in der der Krieg endet und ein neues Kapitel beginnt.

Heute Abend möchte ich mit Ihnen über diesen Übergang sprechen. Aber zunächst sollten wir uns noch einmal vor Augen führen, warum wir hier sind. Hier, in Afghanistan, hat Osama bin Laden den sicheren Zufluchtsort für seine Terrororganisation aufgebaut. Hierher, nach Afghanistan, brachte Al Kaida neue Anhänger, bildete sie aus und plante Terrorakte. Hier, aus diesem Land heraus, organisierte Al Kaida die Angriffe, bei denen fast 3.000 unschuldige Männer, Frauen und Kinder starben.

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten zogen also vor zehn Jahren in den Krieg um zu gewährleisten, dass Al Kaida dieses Land nie wieder benutzen würde, um sie anzugreifen. Trotz anfänglicher Erfolge hat dieser Krieg aus vielerlei Gründen länger gedauert, als die meisten erwartet hätten. 2002 konnten bin Laden und seine Gefolgsleute über die Grenze fliehen und fanden Unterschlupf in Pakistan. Die Vereinigten Staaten haben fast acht Jahre einen weiteren Krieg im Irak ausgetragen. Und Extremisten der Al Kaida unter den Taliban haben in einem brutalen Aufstand gekämpft.

In den letzten drei Jahren hat sich das Blatt allerdings gewendet. Wir haben die Taliban geschwächt. Wir haben starke afghanische Sicherheitskräfte aufgebaut. Wir haben die Führungsriege von Al Kaida zerstört, in dem wir 20 ihrer 30 Spitzenleute ausgeschaltet haben. Und vor einem Jahr haben unsere Truppen von einem Stützpunkt hier in Afghanistan aus den Einsatz begonnen, der zum Tod von Osama bin Laden führte. Das Ziel, das ich mir gesteckt habe – Al Kaida zu besiegen und der Organisation die Chance zu nehmen, sich neu zu formieren – ist nun in greifbare Nähe gerückt.

Trotzdem liegen noch schwierige Zeiten vor uns. Unsere Soldatinnen und Soldaten werden noch enorme Opfer bringen müssen. Aber heute Abend möchte ich Ihnen mitteilen, wie wir unsere Aufgabe erfüllen und den Krieg in Afghanistan beenden werden.

Zunächst haben wir mit dem Übergang der sicherheitspolitischen Verantwortung auf die Afghanen begonnen. Schon jetzt lebt fast die Hälfte aller Afghanen in Gegenden, in denen die afghanischen Sicherheitskräfte die Führung übernehmen. In diesem Monat wird sich unsere Koalition beim NATO-Gipfel in Chicago das Ziel setzen, die Verantwortung für Kampfeinsätze im ganzen Land nächstes Jahr an die afghanischen Truppen zu übergeben. Die internationalen Truppen werden die Afghanen weiter ausbilden, beraten und unterstützen und, falls notwendig, an ihrer Seite kämpfen. Aber mit zunehmender Verantwortungsübernahme der Afghanen, werden wir uns immer mehr auf eine unterstützende Rolle beschränken.

Im Zuge dieser Entwicklung werden unsere Truppen nach Hause kommen. Voriges Jahr haben wir 10.000 amerikanische Soldaten aus Afghanistan abgezogen. 23.000 weitere werden Ende des Sommers zurückkehren. Danach wird die Truppenreduzierung ständig fortgeführt werden, und immer mehr Soldatinnen und Soldaten werden nach Hause zurückkehren. Und, wie mit unserer Koalition vereinbart, werden die Afghanen bis Ende 2014 die vollständige Verantwortung für ihre Sicherheit übernehmen.

Zweitens bilden wir die afghanischen Sicherheitskräfte so aus, dass sie ihre Aufgaben erfüllen können. Die Zahl der Sicherheitskräfte hat massiv zugenommen und wird dieses Jahr mit 352.000 ihren Höhepunkt erreichen. Die Afghanen werden dieses Niveau drei Jahre lang aufrechterhalten und die Größe ihres Militärs dann reduzieren. In Chicago werden wir einen Vorschlag für langfristig starke und tragfähige Sicherheitskräfte in Afghanistan unterstützen.

Drittens bauen wir eine dauerhafte Partnerschaft auf. Die Vereinbarung, die wir heute unterzeichnet haben, ist eine klare Botschaft an die Afghanen: Wenn Sie sich der Verantwortung stellen, sind Sie nicht alleine. Sie ist die Grundlage für unsere Zusammenarbeit in den nächsten zehn Jahren, zu der die gemeinsame Verpflichtung zur Bekämpfung von Terrorismus und zur Stärkung demokratischer Institutionen zählt. Mit der Vereinbarung werden die afghanischen Bemühungen zur Förderung von Entwicklung und für die Würde der Afghanen unterstützt. Sie enthält auch die Verpflichtung der Afghanen zu Transparenz und Rechenschaft und zum Schutz der Menschenrechte aller Afghanen: Frauen und Männer, Mädchen und Jungen.

Innerhalb dieser Rahmenvorgaben werden wir mit den Afghanen zusammenarbeiten um festzustellen, welcher Hilfe sie bedürfen, um die beiden eng umrissenen Sicherheitsaufgaben – Bekämpfung des Terrorismus und weitere Ausbildung – zu erfüllen. Wir werden keine dauerhaften Stützpunkte in diesem Land aufbauen, noch werden wir in den Städten und Bergen des Landes patrouillieren. Das ist Aufgabe der Afghanen.

Viertens werden wir weiter über Frieden verhandeln. In Abstimmung mit der afghanischen Regierung hat meine Administration direkte Gespräche mit den Taliban aufgenommen. Wir haben deutlich gemacht, dass sie Teil dieser Zukunft sein können, wenn sie mit Al Kaida brechen, der Gewalt abschwören und die afghanischen Gesetze befolgen. Viele Mitglieder der Taliban – von den rangniedrigsten Soldaten bis zur Führungsriege – haben Interesse an einer Versöhnung gezeigt. Der Weg zum Frieden wurde ihnen bereitet. Diejenigen, die diesen Weg nicht einschlagen wollen, werden sich starken afghanischen Sicherheitskräften gegenübersehen, die Rückhalt von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten erhalten.

Fünftens schaffen wir einen globalen Konsens zur Unterstützung von Frieden und Stabilität in Südasien. In Chicago wird die internationale Gemeinschaft ihre Unterstützung für diesen Plan und die Zukunft Afghanistans zum Ausdruck bringen. Ich habe auch dem Nachbarland Pakistan klar gemacht, dass es ein gleichberechtigter Partner in diesem Prozess sein kann und sollte, und zwar unter Berücksichtigung der Souveränität Pakistans, seiner Interessen und demokratischen Institutionen. Auf der Suche nach dauerhaftem Frieden verfolgen die Vereinigten Staaten lediglich die Absicht, dass Al Kaida keine Zuflucht mehr gewährt und die Souveränität Afghanistans geachtet wird.

Einige werden fragen, warum wir für diesen Prozess einen festen Zeitplan brauchen. Die Antwort darauf ist eindeutig: Es ist nicht unser Ziel, ein Land nach amerikanischem Vorbild aufzubauen oder alle Spuren der Taliban zu beseitigen. Um dies zu erreichen, bräuchte es viele Jahre Zeit, viele weitere US-Dollar, und vor allem würde es viele weitere amerikanische Menschenleben fordern. Unser Ziel besteht darin, Al Kaida zu zerstören, und genau das zu tun wir gerade. Die Afghanen wollen ihre Souveränität behaupten und dauerhaften Frieden aufbauen. Dafür benötigen wir einen klaren Zeitplan, um den Krieg zu Ende zu führen.

Andere werden fragen, warum wir uns nicht sofort zurückziehen. Auch die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Wir müssen Afghanistan die Chance geben, an Stabilität zu gewinnen. Sonst wird unser bisheriger Fortschritt zunichte gemacht und Al Kaida kann erneut Fuß fassen. Als Oberbefehlshaber weigere ich mich, es dazu kommen zu lassen.

Ich verstehe, dass viele Amerikaner kriegsmüde sind. Es gibt nichts Belastenderes für einen Präsidenten als einen Brief an die Familie eines gefallenen Soldaten zu unterzeichnen oder einem Kind in die Augen zu sehen, das ohne Mutter oder Vater aufwachsen wird. Ich werde amerikanische Soldaten nicht einen Tag länger der Gefahr aussetzen als für unsere nationale Sicherheit absolut erforderlich. Aber wir müssen in Afghanistan beenden, was wir begonnen haben, und diesen Krieg verantwortungsvoll zu Ende führen.

Meine amerikanischen Mitbürger, seit mehr als zehn Jahren leben wir unter der dunklen Wolke des Krieges. Und hier, beim Übergang von Dunkelheit zu Dämmerung in Afghanistan, sehen wir das Licht eines neuen Tages am Horizont. Der Irakkrieg ist vorbei. Die Zahl der sich in Gefahr befindenden Soldaten wurde halbiert, und bald werden weitere Soldaten nach Hause zurückkehren. Wir haben einen klaren Weg vor uns, um unsere Mission in Afghanistan zu erfüllen und Al Kaida zur Rechenschaft zu ziehen.

Diese Zukunft ist nur dank unserer Soldatinnen und Soldaten in greifbarer Nähe. Immer wieder sind sie dem Aufruf, ihrem Land an entlegenen und gefährlichen Orten zu dienen, gefolgt. In einer Zeit, in der so viele Institutionen uns enttäuscht haben, haben diese Amerikaner Stärke gezeigt. Sie sind ihrer Verantwortung füreinander gerecht geworden und haben ihre Aufgaben für das Land, dem sie dienen, erfüllt. Ich habe mich vorhin mit einigen von ihnen getroffen und habe ihnen gesagt, dass ich als Oberbefehlshaber nicht stolzer sein könnte. In ihren Gesichtern sehen wir das Beste an uns und unserem Land.

Unsere Soldaten, unsere Matrosen, Marineinfanteristen, Angehörige der Küstenwache und Zivilisten in Afghanistan haben ihre Pflicht getan. Jetzt müssen wir uns auf diese gemeinsamen Zielsetzungen besinnen. Wir müssen unseren Veteranen und Militärfamilien die Unterstützung und Chancen bieten, die sie verdienen. Wir müssen unsere Bemühungen zum Aufbau einer Nation, die ihrer Opfer würdig ist, verdoppeln.

Nach zehn Jahren des Konflikts im Ausland und der Wirtschafskrise im Inland, ist es an der Zeit, die Vereinigten Staaten zu erneuern und zu einem Land zu machen, in dem unsere Kinder frei von Angst leben können und die Fähigkeit haben, die sie benötigen, um ihre Träume zu verwirklichen. Ein geeintes Amerika voller Mut und Widerstandskraft, in dem sich die Sonnenstrahlen in den Glasfenstern neuer Türme in Manhattan spiegeln und wir als ein Volk, eine Nation unsere Zukunft gestalten.

Hier in Afghanistan haben Amerikaner ihre Mitbürger verteidigt und sich für die Wahrung der Menschenwürde eingesetzt. Heute gedenken wir der Gefallenen und derjenigen, die Wunden erlitten haben, sichtbare wie unsichtbare. Aber ihr Vorbild und ihre Ideale, die unsere Nation und die Welt geleitet haben – die Überzeugung, dass alle Menschen gleich behandelt werden und die Freiheit verdienen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen – haben uns in dunklen Zeiten Stärke verliehen. Und von diesem Licht lassen wir uns weiterhin leiten.

Diese Zeit des Krieges begann in Afghanistan und wird auch hier enden. Lassen Sie uns also mit gegenseitigem Vertrauen und einem festen Blick in die Zukunft die vor uns liegende Arbeit zu Ende bringen und einen dauerhaften, gerechten Frieden schaffen.

Gott segne unsere Soldatinnen und Soldaten, und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.

Originaltext: 

Remarks by President Obama in Address to the Nation from Afghanistan

Sehen Sie Präsident Obama's ganze Rede in Afghanistan hier: 

 

 


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