Montag, 3. September 2012

Transatlantische Zusammenarbeit : Vortrag des Koordinators für Transatlantische Beziehungen, Harald Leibrecht, bei der 2. Sprachkonferenz des Goethe Instituts New York zum Stand der transatlantischen Beziehungen




01.09.2012

-- es gilt das gesprochene Wort --

Die Gelegenheit, in New York über Deutsch zu sprechen, erhält man nicht alle Tage. Es ist aber vor allem eine Gelegenheit, Ihnen für Ihren Einsatz für die deutsche Sprache in den USA zu danken. Die Pflege der kulturellen Beziehungen und auch die Sprachvermittlung sind sehr wichtige Beiträge zur Vertiefung der transatlantischen Beziehungen, an denen wir ein herausragendes Interesse haben.

I.

Meine Damen und Herren,

Die Globalisierung stellt die gesamte Welt vor neue Herausforderungen. In der globalisierten Weltwirtschaft steigen Mächte wie China und Indien, aber auch zum Beispiel Brasilien und Russland, rasant auf. 
Diese Mächte erhalten aufgrund ihrer Wirtschaftskraft auch immer mehr politischen Einfluss. 

Die USA und die EU reagieren hierauf, indem sie vermehrt Ressourcen wie Personal und Finanzmittel und Engagement nach Asien, Lateinamerika und auch nach Afrika verlegen. Doch die neuen starken Spieler wie China sind oft keine westlichen Demokratien. Die Wahrung der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit, oft auch schlichte Rechtssicherheit sind ein großes Problem. Zu diesen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen kommen die neuen globalen Aufgaben wie Klimawandel, Wasser- und Nahrungsmittelknappheit oder zum Beispiel Cyber-Sicherheit hinzu.

Bei allen diesen Fragen gilt: 

Die großen Herausforderungen können und werden Amerika und Europa nur gemeinsam bestehen. Europa und Amerika teilen die wichtigen Grundwerte freier und offener Gesellschaften. Diese gilt es auch in einer globalisierten Welt gemeinsam zu verteidigen. 

US-Vize-Präsident Biden hatte vollkommen Recht, als er vor drei Jahren bei der Münchener Sicherheitskonferenz sagte: "In sharing ideals and searching for partners in a more complex world, Americans and Europeans still look to one another before they look to anyone else."

Dies gilt heute mehr denn je. 

Und die gute Nachricht ist: Die Zusammenarbeit zwischen Europa und Amerika ist heute enger denn je.

In der Wirtschaftspolitik stehen wir bei der Bewältigung der gegenwärtigen Finanzkrise eng zusammen, damit katastrophale Entwicklungen auch weiter verhindert werden.

In der globalen Politik verfolgen wir identische Ziele und eine gemeinsame Strategie. Wir setzen uns dafür ein, dass der Iran nicht in den Besitz von Atomwaffen gelangt. 

Wir unterstützen den gewaltigen Umbruch in der arabischen Welt für mehr Demokratie und Freiheit. 

Wir bemühen uns um einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und den Palästinensern. 

Und wir arbeiten gemeinsam daran, das schreckliche Blutvergießen in Syrien zu beenden.

Viele dieser Weichenstellungen kann auch der Westen nicht mehr allein vornehmen. 

Wir müssen auch die enge Abstimmung mit den neuen Gestaltungsmächten suchen. 

Aber hierfür müssen die USA und Europa gemeinsam vorgehen. 

In einer Welt, in der die Idee der Freiheit immer mehr an Boden gewinnt, wäre es unverständlich, wenn gerade der Westen nicht zusammenstehen würde. Enge transatlantische Beziehungen sind weiter ein Gebot der Stunde – und eine Notwendigkeit für unsere Zukunft.

II.

Vor allem im Bereich der Wirtschaftspolitik gab es dabei in den letzten Jahren viele interessante Entwicklungen. 

Gleichzeitig eröffnen sich spannende Perspektiven für die Zukunft:


Die USA waren bis vor kurzem für Deutschland der wichtigste Handelspartner außerhalb der EU. 

Nach den jüngsten Statistiken ist 2011 zum ersten Mal das Handelsvolumen mit China etwas größer als das mit den USA. Eine Entwicklung, die wohl die wenigsten überrascht. Dennoch bleiben wir wirtschaftlich mit den USA aufs engste vernetzt:

Deutschland bleibt der wichtigste Handelspartner der USA in Europa. 

Der bilaterale Warenhandel belief sich Ende 2011 auf rund USD 147,5. Mit einem Bestand von 215 Mrd. USD an Direktinvestitionen ist Deutschland viertgrößter ausländischer Investor in den USA.

Natürlich hat sich die Wirtschafts- und Finanzkrise auch auf die transatlantische Wirtschaft ausgewirkt, insbesondere durch einen Rückgang der Nachfrage aus den USA. Doch seit 2009 steigt der bilaterale Warenhandel wieder.

Die EU und die USA sind weiterhin die weltweit produktivsten und am engsten miteinander verbundenen Wirtschaftsregionen. Mit nur gut 10% der Weltbevölkerung erwirtschaften sie über die Hälfte des Weltsozialprodukts. Beide Seiten wickeln rund 15-20% ihres jeweiligen Handels miteinander ab.

Beide Seiten arbeiten daran, dass dies auch so bleibt. 

Um die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen weiter zu stärken, wurde 2007 auf deutsche Initiative der Transatlantische Wirtschaftsrat oder kurz TEC für Transatlantic Economic Council gegründet. 

Ziel des TEC ist es, durch frühzeitige Setzung von Normen und Industriestandards bei Zukunftstechnologien wie Elektromobilität u.a. die Positionen von europäischen und amerikanischen Unternehmen im globalen Wettbewerb zu stärken bzw. diese Standards auch gegenüber Dritten durchsetzen zu können.

Derzeit diskutieren die EU und die USA über die zukünftige Ausgestaltung der transatlantischen Handelspartnerschaft. 

Was können EU und USA gemeinsam tun, um Wachstum zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen? 

Diesem Thema widmet sich eine hochrangige Arbeitsgruppe, die EU-US High Level Working Group on Jobs and Growth (HLWG).

Für die EU gilt: Solange ein Abschluss der Doha-Runde für ein weltweites Freihandelssystem nicht erreichbar ist, muss die Europäische Union daran arbeiten, weitere Freihandelsabkommen mit den alten und neuen Kraftzentren der Welt abzuschließen. 

Auch die USA zeigen sich inzwischen sehr viel offener gegenüber der Idee zum Abschluss von neuen Freihandelsabkommen. 

Mit unseren engsten Partner streben wir daher einen „Transatlantischen Marktplatz“ an. Die EU ist bereit zu einem umfassenden Abkommen, das sowohl die Bereiche Zölle, technische Handelshemmnisse, sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen, als auch Dienstleistungen, geistiges Eigentum und öffentliche Beschaffungen einschließt.

III.

Meine Damen und Herren,

trotz gemeinsamer Werte und Interessen und dichter wirtschaftlicher Verflechtungen sind enge transatlantische Beziehungen kein Selbstläufer. Millionen von Menschen mit persönlichen Verbindungen zur anderen Seite des Atlantiks haben hierzu beigetragen. Der gemeinsame Schatz dieser Verbindungen ist noch immer groß.

Ungefähr ein Viertel aller US-Amerikaner hat familiäre Wurzeln in Deutschland und von daher ein großes Interesse an uns.

Ganz wichtig: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren Millionen von US-Soldaten und ihre Familien über Jahre in Deutschland stationiert. Ihnen sind unser Land und unsere Menschen, nicht zuletzt auch unsere Sprache, sympathisch.

Hunderttausende Studierende und Schüler haben einen Teil ihrer Studien- bzw. Schulzeit im jeweils anderen Land verbracht.

All dies ist heute nicht mehr selbstverständlich:

Amerika ist globaler geworden. 

Immer mehr US-Amerikaner definieren ihre Familie über lateinamerikanische, asiatische und afrikanische Vorfahren. Dies gilt auch für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sinkt die Präsenz von US-Streitkräften in Deutschland stetig. Immer mehr Standorte werden geschlossen, was die Zahl der in Deutschland eingesetzten Soldaten in den nächsten Jahren auf 40.000 verringern wird.


Und Schüler und Studierende in den USA und Deutschland interessieren sich immer stärker für Studienorte in anderen Weltregionen wie zum Beispiel China oder Lateinamerika.

IV.

Welche Perspektiven ergeben sich also für die Beziehung, welche Rolle soll Deutschland, soll Europa in der Zukunft in dieser Partnerschaft spielen? 

Und welche Rolle spielt dabei der Ausgang der Präsidentschaftswahlen?

In jeder Konstellation werden die USA aufgrund der gegebenen Haushaltzwänge ihre internationale Rolle anpassen müssen. 


Forderungen an die Europäer, einen größeren Beitrag zu leisten sind nicht neu, werden aber wieder lauter. 

Der Diplomat Nicholas Burns sagte dazu vor einiger Zeit: „Wir brauchen ein stärkeres Europa – und ein Europa, das mehr in seine Sicherheit investiert.“ Diese Forderungen würden bei einem republikanischen Wahlsieg vermutlich noch drängender formuliert werden. 

Das heißt: 

Europa wird weiter gebraucht, aber es muss seiner Rolle gerecht werden.


V.

Insgesamt muss einem um die künftige Bedeutung der transatlantischen Beziehungen nicht bange sein. Voraussetzung aber ist, dass wir diese Herausforderungen auch annehmen, dass wir unseren Beitrag zu ihrer Bewältigung leisten. Europa muss zum „Partner in Verantwortung“ werden.

Zum Wandel in den transatlantischen Beziehungen gehört auch, dass die USA Europa vor allem aus einem pragmatischen Blickwinkel betrachten. 

Das heißt: 

Leistet Europa seinen Beitrag zur Lösung der globalen Herausforderungen, dann bleibt es für die USA ein relevanter, wichtiger und vielleicht unverzichtbarer Partner.

„Partner in Verantwortung“ kann nur ein wirtschaftlich prosperierendes und sicherheitspolitisch geeintes Europa sein. Es muss handlungsfähiger und handlungsbereiter werden, um weiterhin in Washington Gehör für seine politischen Prioritäten und Konzepte zu finden.

VI.

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich das Gesagte abschließend in fünf kurzen Thesen zusammenfassen:

1. Die Transatlantischen Beziehungen sind weiterhin unverzichtbar, jedoch sind sie kein Selbstläufer mehr.

2. Es gilt neue und andere Bevölkerungsgruppen für die transatlantischen Beziehungen zu gewinnen. Dabei sollte auch die Förderung der deutschen Sprache in den USA eine wichtige Rolle spielen.

3. Die Hinwendung der USA nach Asien stellt keine gleichzeitige Abwendung von Europa dar. Vielmehr sollten die USA und Europa dort gemeinsam agieren.

4. Die „neue transatlantische Agenda“ birgt zahlreiche Chancen für eine Vertiefung der Zusammenarbeit in neuen Konstellationen und mit neuen Partnern.

5. Damit Europa auf lange Sicht in allen Bereichen ein relevanter Partner für die USA bleibt, muss es

- die Schuldenkrise in den Griff bekommen 

- Handel und Investitionen mit den USA weiter intensivieren, auch mit der Perspektive einer Freihandelszone

- Fortschritte beim Aufbau einer europäischen Verteidigungsstruktur machen, komplementär nicht in Konkurrenz zur NATO.

VI.

Nach diesem „Rundumschlag“, freue ich mich nun, mich mit Ihnen gemeinsam dem Thema „Deutsche Sprache in den USA zuzuwenden“ und bin gespannt auf Ihre Vorschläge, Erfahrungen und Ideen.


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